September 2015: Diskussion um Namensgeberinnen des Augspurg-Heymann-Preises

September 2015: Diskussion um Namensgeberinnen des Augspurg-Heymann-Preises

Dr. Christiane Leidinger aus Berlin und Lena Laps aus Bochum haben die Jury darauf aufmerksam gemacht, dass Heymann 1907 auf einer Veranstaltung des Verbandes Fortschrittlicher Frauenvereine in Frankfurt am Main sagte, dass man sich nicht scheuen dürfte, „Gesetze für die Vernichtung körperlicher und geistiger Krüppel” zu erlassen (zitiert aus der Frankfurter Zeitung vom 27.9.1907, Nr. 268).

Die LAG Lesben in NRW hat Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel um eine historische Einschätzung gebeten. In ihrem Gutachten  beschreibt sie die Forschung zu den bevölkerungspolitischen Positionen der radikalen Frauenbewegung wie folgt:

  1. Auch die Radikalen Frauenrechtlerinnen segregieren in ihren Argumentationen die Menschen in verschiedene Wertkategorien und formulieren eine Rassenhierarchie. Sie nahmen an, dass es ‚minderwertige‘ und ‚höherwertige‘ Rassen gibt, wobei letztere die weiße ist;
  2. Auch die Radikalen argumentieren mit der Ökonomie und stellen Menschen unter volkswirtschaftliche Kriterien der Gewinnmaximierung;
  3. Allerdings zeichnete sich das spezifische ‚feministische Rassehygieneverständnis‘ durch ein Festhalten am Grundrecht ALLER Menschen auf individuelle Freiheit aus. Sie verstanden Rassenhygiene immer als freiwillige, eigenverantwortliche Fortpflanzungsauslese.

Die Jury des Augspurg-Heymann-Preises und der Vorstand der LAG Lesben in NRW können diese Positionen nicht gutheißen, dennoch gehören auch sie zu den Biographien der Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Nach heutigem Wissensstand haben sie sich jedoch nicht intensiv mit diesen Fragestellungen befasst, für das Heymann-Zitat gibt es keine Vertiefung der Ausführungen in ihren Schriften. Ganz sicherlich nicht sind sie Wegbereiterinnen der mörderischen „rassehygienischen“ oder „Euthanasie-Programme“ der Nationalsozialisten.

Nach reiflicher Überlegung wollen Jury und Vorstand den Preis für couragierte Lesben weiterhin nach Augspurg und Heymann benennen und zukünftig verstärkt auf die Ambivalenzen von Vorbildern eingehen, ihre Widersprüche im Denken und Handeln hinterfragen und ernstnehmen.

Wir begrüßen es, wenn sich Historiker_innen weiterhin kritisch mit der ersten Frauenbewegung auseinandersetzen und wollen diese Kritik in die Preisverleihungen einfließen lassen, damit Lesben ermutigt werden, verantwortlich zu handeln und sich einzumischen.

Wir danken Dr. Christiane Leidinger und Lena Laps ausdrücklich dafür, dass sie uns auf die Ambivalenz unserer zwiespältigen Ahninnen hingewiesen haben.

Download: Pressemitteilung